2009-09-25 Events - Buchvorstellung

Hans Waal "Die Nachhut"

Was
GESPENSTER DER VERGANGENHEIT
Hans Waal lässt in seinem satirischen Roman „Die Nachhut“ vier alte Nazis auferstehen und durch Brandenburg nach Berlin marschieren

Mehr als 60 Jahre haben sie in einem geheimen Bunker bei Wittstock ausgehalten und lange den Einschlägen eines russischen Truppenübungsplatzes gelauscht. Erst als der letzte Büchsenöffner abbricht, kriechen vier altersschwache SS-Männer entgegen ihrem letzten Befehl voller Misstrauen aus ihrem Versteck. Zwar sind die Russen inzwischen abgezogen, aber auf ihrem beschwerlichen Marsch in die „Reichshauptstadt“ Berlin stoßen die klapprigen Krieger immer noch auf genügend Zeichen dafür, dass der Krieg, in den sie 1944 als Teenager gezogen sind, womöglich doch noch nicht vorbei ist.
Hans Waal erzählt in seinem Roman eine ebenso groteske wie abenteuerliche Geschichte, die es nicht nur als spannende Zeitreise von vier tatsächlich ewig Gestrigen in unsere Gegenwart in sich hat. „Die Nachhut“ ist Politthriller, Medienparodie und nicht zuletzt eine bissige Satire auf den Umgang mit unserer Vergangenheit. Auf mehreren Ebenen legt der Autor das verkrampfte Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte frei, lässt die verschiedenen Nachkriegsgenerationen und deren Bewältigungsreflexe aufeinander prallen, die Sprachlosigkeit der letzten Zeitzeugen, die Überempathie der so genannten 68er bis hin zur coolen Ignoranz der Enkel und Urenkel, die nichts mehr davon hören wollen. Doch konfrontiert mit vier lebendigen Gespenstern dieser Vergangenheit taugen die bewährten Mechanismen der Bewältigung plötzlich nicht mehr viel, während die verstörten SS-Opas durch ein ebenso verstörtes Land stolpern und jedes Missverständnis in ihrem Sinne deuten.
Angesichts etlicher Holzkreuze am Straßerand sind sie gerührt, dass immer noch so viele Kameraden im Kampf um jeden Meter Heimatboden ihr junges Leben lassen. Sie staunen, dass deutsche Truppen zwar den Balkan zurück erobert haben, aber die Rote Armee gleichzeitig mit Holzknüppeln Terror in Deutschland verbreitet. Als sie merken, dass die jungen Männer mit den kahl geschorenen Schädeln gar keine Russen sind, fragen sie sich, ob man sich für solche Überläufer nicht eher schämen müsse.
Und Hartz Vier halten sie für die Bezeichnung der „jüngsten Totalmobilmachung, die angeblich jeder fürchten muss, der sich nicht freiwillig im Westen meldet.“ Mit den ahnungslosen Augen seiner greisen SS-Männer bildet der Autor deutsche Gegenwart und Geschichte auf eine unerhört komische Weise ab, bei der dem Leser das Lachen oft genug im Hals stecken bleibt. Bevor man sich jedoch mit seinem Mitgefühl für 60 Jahre auf Befehl verplempertes Leben auf der falschen Seite ertappt, schlägt die ganze Härte der Vergangenheitsbewältigung zu.
Wann
Freitag, 25. September 2009, 19:00 Uhr
Wo
Kreisvolkshochschule Grimmen
Tribseeser Chaussee 4, 18507 Grimmen
Wer
Kreisvolkshochschule Grimmen