2011-02-23 06h15 News - Vogel des Jahes 2011

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Zu nichts anders zu gebrauchen, als zum Singen“

Historisches zum Gartenrotschwanz

(Quelle: Dr. Karl Wilhelm Beichert) „Dieser so charakteristisch gezeichnete Vogel hat sich dem Menschen angeschlossen und zählt in Gärten, Kleingartensiedlungen und Parks zu den häufigsten Vögeln.“ So konnte Schälow noch 1960 in seinem Buch „Sang da nicht die Nachtigall?“ schreiben. Und 1820 stellte sich für Friedrich Naumann die Lage so dar: „Er gehört in den meisten Ländern unseres Erdteiles unter die gemeinen Vögel. So ist er auch in Deutschland allenthalben gemein; bloß solche Gegenden, die weder Bäume noch Buschwerk haben, im ganzen also doch nur unbedeutende Strecken, vermissen ihn.“

Gartenrotschwanz

Gartenrotschwanz als Sommervariante des Rotkehlchens

In der Antike hielt man das Rotkehlchen und den Gartenrotschwanz für ein und denselben Vogel. Den Erithacus (das Rotkehlchen) bezeichnet Aristoteles (384–322 v.Chr.) als winterliche Variante des Phoenicurus (Rotschwanz). Plinius (23/24–79 n.Chr.) folgt dieser Ansicht und fügt noch hinzu, der Rotschwanz wechsle wie die Grasmücken Gestalt und Farbe zugleich. Interessant ist, dass Conrad Gesner nur den Gartenrotschwanz, und diesen unter dem Namen Haußrötelein, nicht aber den Hausrotschwanz beschreibt. Die Abbildung in seinem Vogelbuch weist eindeutige Kennzeichen des Gartenrotschwanzes auf: „ … hat zu oberst auf seinem Kopff einen runden weissen Flecken … An seiner brust, am bauch und schwantz ist er rot …“ Eindeutig unterschieden werden beide Arten dann in dem Büchlein des Herrn von Pernau (1702) und in Zedlers Universallexikon (1732 bis 1754).

Rotzagel und Saulocker

Wissenschaftlicher Name des Gartenrotschwanzes ist Phoenicurus phoenicurus. Das Wort kommt aus dem Griechischen. Phoinix bedeutet die Farbe Rot und uros ist von dem Substantiv urá (= Schwanz) abgeleitet, sodass es nichts anderes bezeichnet als das deutsche Wort Rotschwanz. Zahlreich sind die Namen in den verschiedenen Teilen unseres Landes; sie beziehen sich fast alle auf das Aussehen des Vogels; außer den schon genannten sind es: Waldrotschweifel (nach Schweif = Schwanz), Rotsterz (Sterz ebenfalls = Schwanz), Rotzagel (Zagel bedeutet im Mittelhochdeutschen ebenfalls Schwanz). Auf die Farben von Kehle und Brust beziehen sich die Bezeichnungen Schwarzkehlchen, Rotbrüstlein und Rotbäuchlein.

Schaden? „Sie thun keinen.“

Feinde der Rotschwänze waren in den vergangenen Jahrhunderten die Bienenzüchter. Noch in dem „Landwirtschaftlichen Ratgeber“, einer Beilage zum Reichsboten, liest man im Jahrgang 1903: „Welchen Schaden die dreisten Meisen, Fliegenschnäpper, Rotschwänze u.s.w. unseren Bienenständen thun, wird wohl jeder erfahrene Bienenzüchter selbst wissen.“ Aber schon Naumann verwies diese Schädlichkeit der Rotschwänze ins Reich der Fabel, indem er das Kapitel „Schaden“ kategorisch mit dem Satz: „Sie thun keinen.“ einleitet. Anders war es mit dem Nutzen. Zu diesem rechnete man noch im 19. Jahrhundert ihr Fleisch, das man für „eine angenehme und wohlschmeckende Speise“ (Naumann) hielt. Aber schon zur genannten Zeit spielte dies als Grund für die Verfolgung in den meisten Teilen Deutschlands keine Rolle mehr. Dagegen schätzte man den Eifer des Gartenrotschwanzes im „Wegfangen vieler beschwerlicher und schädlicher Insekten“. Deshalb sei der Jahresvogel auch in den Wohnstuben der Landleute gehalten worden. Die Haltung im Käfig indes galt als schwierig, da der Gartenrotschwanz nach den Erfahrungen der Halter ein „zärtlicher“ (gemeint ist ein verzärtelter, schwer zu haltender) Vogel war. Trotzdem wurde er häufiger als der Hausrotschwanz im Bauer gehalten, weil er dort „fleißig und fast das ganze Jahr hindurch“ sang. Pernau (1702) sieht das so: „Das meiste, was von der Nachtigall ist gesagt worden, trifft auch bei diesen ein, und sind sie, wie die Nachtigall, zu nichts anders zu gebrauchen, als allein zum Singen.“ Allerdings sei er auch durch „seinen ewig wiederholten Lockton uit uit tak tak“ bisweilen lästig.

Nistkasten

Brut in jedem denkbaren Hohlraum

Vielfältig und gelegentlich außergewöhnlich sind die Brutstätten des Nischen- und Höhlenbrüters Gartenrotschwanz: „Als [der Briefträger] vor dem letzten Briefkasten steht, sieht er ein Pappschild mit einer diktatorischen Aufschrift: „Nichts reinwerfen! Vogel brütet!“ In den nächsten Tagen trifft er auf seinem Dienstgang noch manchen Briefkasten an, der von Rotschwänzen … besetzt ist, und einen Monat lang müssen er und die tierfreundlichen Besitzer sich gedulden, ehe sie wieder die Briefkästen benutzen können.“ (So zu lesen bei Schälow). Beobachtet wurden auch Bruten in Kehrichthaufen, aufgehängten Holzschuhen, Bahnsignalen, Geschützrohren, Wetterstationen. Sehr gern nimmt der Gartenrotschwanz auch das Angebot künstlicher Nisthöhlen an, in manchen Gebieten finden sich mehr als die Hälfte der Nester in solchen. Es finden sich aber auch Nester auf Dachbalken, unter Ziegeln, in natürlichen Baumhöhlen, hinter abgelöster Rinde, in Mauerlöchern, Felsspalten und Nischen von Grabsteinen, in Hohlräumen von Zaunpfählen, Hydranten, Holzstößen, Reisigbündeln, in Blumentöpfen, hinter Bretterverschalungen, geschlossenen Fensterläden, im Inneren von Gebäuden und sogar in alten Nestern von Schwalben, Drosseln oder Eichelhähern.

Bericht von einem interessanten Erlebnis mit Gartenrotschwänzen

In einer Mauerritze eines Hauses, direkt vor dem Fenster und gut einsehbar, brütete im Frühjahr 2007 ein Paar. Eines Tages, als die Jungen schon geschlüpft waren, lag das Weibchen tot im Garten. Das Männchen hatte nun allein fünf hungrige Schnäbel zu stopfen. Zweifel entstanden, ob der Witwer genügend Nahrung würde herbeischaffen können. Was war zu tun? Die besorgten menschlichen Gastgeber kauften Mehlwürmer und stellten sie aufs Fensterbrett. Unglaublich schnell entdeckte der Gartenrotschwanz die neue und bequeme Nahrungsquelle. Schnell war der Vorrat verbraucht und musste nachgekauft werden. Auf diese Weise brachte der Vogelvater alle fünf Jungen durch, die dann auch zur gegebenen Zeit ausflogen. Er selbst fraß immer nur die kleinsten Mehlwürmer, während er die großen, fetten seinen Jungen gönnte.

NABU Nordvorpommern / R. Schmidt