2014-05-19 05h20 News - Das Geheimnis der Karaffe

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Zusammenfassung: Heimatmuseum → Museum

Keine Unterschiede vorhanden.

Die geheimnisvolle Karaffe steht im Museum "Im Mühlentor" Grimmen.

Das Geheimnis einer Karaffe

- noch ist es nicht ganz gelöst -

Und so begann alles …

Am 26.November 2013 rief ein Antiquar aus Berlin im Museum an:

Er hätte da etwas im Angebot, was offenbar nach Grimmen gehörte und wohl aus der Glasmanufaktur Lobmeyr in Wien stamme - eine wunderbar in orientalischem Muster und Gold verzierte Glaskaraffe mit einer silberfarbenen Banderole, in die eine Aufschrift gepunzt ist. Ein Geschenk Ihrer Majestät Kaiserin Augusta an den Vaterländischen Frauen-Verein Kr. Grimmen. Aber ja! Es wurden Recherchen angestellt, Fachleute befragt, umsonst war das Stück ja nicht zu bekommen. Aus der Wiener Manufaktur, so verneinte die berühmte Firma, die heute noch existiert und zuerst befragt wurde, stammt das gute Stück erstmal nicht. Ende des 19.Jh. soll der Verein gegründet worden sein, las man, nicht viel genaueres. Schließlich - Ende gut alles gut - Ende Dezember 2013 wurde der Kauf getätigt, am 24. Januar 2014 holte die Museumsleiterin das teure Stück persönlich ab.

Aber welche Bewandtnis hatte es sonst mit dem GESCHENK der KAISERIN?

War die Kaiserin persönlich vielleicht in Grimmen gewesen? Welche Verbindungen gab es? Was hat der Verein gemacht? Wo und wann wurde das Stück hergestellt? Wie ist es nach Berlin ins Antiquariat gekommen?

Kaiserin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach Die preußische Königin und spätere Kaiserin, Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach (∗1811 - †1890), Ehefrau Kaiser Wilhelm I., hatte 1866 den Vaterländischen Frauenverein gegründet, der sich u.a. um verwundete und erkrankte Soldaten kümmerte. Es entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Netz von Zweig-Vereinen; 1869 gab es bereits 291.

Der Kreis-Zweigverein Grimmen des Vaterländischen Frauenvereins konstituierte sich am 3. Oktober 1884 im Hotel Homeyer (Lange Straße). Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits 108 Mitglieder, ein Zeichen für viel Zuspruch. Als Vorstandsvositzende war Gräfin Thoma Wachtmeister auf Bassendorf gewählt worden. Am 16.Dezember nimmt Augusta den Zweigverein in den gemeinsamen Verband auf und schickt ein selbstunterzeichnetes Diplom in die Stadt, welches fortan gerahmt im Vereinslokal an der Wand hängt.

Es hat folgenden Wortlaut:
„Gottes Segen vereint die Kräfte, die sich dem Vaterlande widmen.“ „Dies hat eine ernste Zeit bewiesen! Deshalb auch bleibe vereint unsere bewährte Hülfsbereitschaft, die, alle Bekenntnisse und Stände umfassend, im Vaterländischen Frauen-Vereine hilft, wo es zu helfen gilt. Unser Verein dient im Kriege dem Volke unter den Waffen, im Frieden der Linderung der Noth, wo und wie solche unerwartet herantritt. Der Vaterländische Frauen-Verein hemmt keine Wohlthätigkeit, die bereits ihren Wirkungskreis besitzt; er nimmt vielmehr eine jede in sich auf, als höchster Ausdruck jener Vaterlandsliebe, durch welche die Männer siegen, die Frauen trösten,und die ein Erbgut Deutscher Gesinnung allen Pflichten aufopfernder Nächstenliebe entspricht. Immer weiter verbreite sich das Netz der Zweig-Vereine, immer gesegneter sei ihr Beruf.“ „Als Protektorin des Vaterländischen-Frauenvereins nehme Ich den Zweig-Verein zu Grimmen in den gemeinsamen Verband auf und bezeuge dies durch Meine Namensunterschrift
AUGUSTA”

In der ersten Vorstandssitzung beschloss man: „ … die ganze Thätigkeit des Vereins in erster Linie auf schleunigste Beschaffung je einer Gemeinde-Diakonissin für die Städte Grimmen und Loitz zu richten.“

Andere Aktivitäten bestanden damals z.B. in der Ausrichtung von Wohltätigkeits-Konzerten, Theater-Vorstellungen, der Durchführung eines „Nähvereins“ und der Organisation von Versteigerungsbasaren.

Die erste Vereins-Vorsitzende, Gräfin Thoma von Wachtmeister, war musikalisch sehr begabt und komponierte ein Musikstück, welches sie der Kaiserin widmete. Es wurde in Stralsund gedruckt, kam in den Verkauf und der Erlös wiederum kam den Vereinszwecken zugute. So gestaltete der Verein u.a. die Weihnachtsbescherung für arme Kinder im Rathaussaal.

Die geheimnisvolle Karaffe steht im Museum "Im Mühlentor" Grimmen. Im Grimmener Kreis-Wochenblatt vom 21.7.1885, findet man neben einer Konzert-Ankündigung auf dem Schützenplatz eine Aufzählung von der Kaiserin „für den neulichen Bazar in Tribsees bestimmt gewesenen, dazu aber verspätet eingetroffenen GESCHENKE, nämlich:

das Bild des Kaisers u. Königs in Plüschrahmen (Cabinet),
ein Wandkorb für Briefe,
eine Tasse,
eine Blumenvase,
eine Visitenkartentasche,
eine goldverzierte antike Flasche,
eine japanische Dose.“

Alles wurde am 24. Juli für insgesamt 109 Mark versteigert. Der Erlös der Veranstaltung war u.a. bestimmt für den Bau eines in Tribsees zu errichtenden Krankenhauses.

Sollte das unsere geheimnisvolle Karaffe gewesen sein? Wieso verspätet eingetroffen? Gab es auf der Reise Komplikationen?

Nach Auskunft eines Auktionshauses in Heilbronn handelt es sich bei der Glaskaraffe um ein Stück „aus der schlesischen Glasmanufaktur Fritz Heckert aus Petersdorf, entstanden ca. 1900 - 1925“. Die Verzierungsart heißt JODPHUR. Sie geht auf Anregung von Franz Relaux zurück, der von einer Reise nach Indien von dortigen Eingeborenen hergestellte Emaillearbeiten auf Bronzegrund mitbrachte, aus denen Musterentwürfe für die Manufaktur entstanden.

Augusta starb 1890. Wenn die Karaffe vor dem Tod verschenkt wurde, ist sie ein FRÜHWERK aus der Heckertschen Manufaktur! Ältestes Jodphur-Glas datiert 1883. Es könnte also die „FLASCHE“ sein!

Es gab öfter Geschenk-Stiftungen aus dem Haushalt der Monarchie. 1895 liest man z.B. wieder von „6 wertvollen Geschenken der Kaiserin … die … verkauft … wurden und 900 Mark an Einnahmen erbrachten“. Hier könnte das gute Stück auch dabeigewesen sein. Inzwischen handelte es sich jedoch bei der Spenderin nicht um Augusta, die am 7.1.1890 verstorben war, sondern um Auguste Victoria, ihre kaiserliche Nachfolgerin. Sie hatte im November d. J. das Protectorat über den Zweigverein Grimmen im Vaterländischen Frauenverein übernommen.

Auf der silbernen Banderole der Grimmener Karaffe steht aber AUGUSTA … Sollte Kaiserin Auguste Victoria ein Geschenk mit Widmung ihrer Vorgängerin gestiftet haben? Unwahrscheinlich!

Die Grimmener Karaffe übrigens, trägt auch einige Narben mit sich: sie zeigt einen Sprung durch den Glasbauch, der nur durch die Emailglasur gehalten wird, am Hals der Flasche entdeckt man ebenfalls einen durch die Banderole verdeckten Sprung. Nun kann das irgendwo „auf dem Weg“ passiert sein - sie ist ja über 100 Jahre alt, z.B. auch im Haushalt des Potsdamer Malers, aus dessen Erbe das Stück dann nach Berlin kam, oder könnte es ganz anders gewesen sein? Datiert das gute Stück nach 1900. Die Banderole alt - die Karaffe ersetzt??

„… Bei einer Zusammenkunft des monarchischen Grimmener Frauenvereins wurde von den Damen etwas übermäßig dem Likör zugesprochen, welcher aus dem kostbaren Geschenk der Kaiserin gereicht wurde, worauf dann das Unglück geschah: Die Karaffe ging zu Bruch! Nach diesem Malheur musste nun als Kompensation ein neues Gefäß angeschafft werden, dass dem kaiserlichen möglichst ähnlich sah. Nun - gesagt getan. Eine neue Karaffe wurde erworben - ein preisgünstiges und dennoch geschmackvolles Stück aus Schlesischer Glasmanufaktur - und an diesem wurde erneut das Metallschild appliziert …“ (Dr. Lissok, Greifswald 2014)

Wird die Geschichte jemals richtig erzählt werden können?

Nicht desto trotz: wir zeigen Ihnen die Grimmener Karaffe ab sofort in der Ausstellung des Museums! Kommen Sie vorbei und machen sich selbst ein Bild.

Wer weitere Ideen zur Enthüllung ihres Geheimnisses hat und Informationen, möge gern Kontakt mit dem Museum aufnehmen.

Tel.: 038326 2261 museum@grimmen.de

Sabine Fukarek